Samstag, 4. Juli 2026

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Pflegende Angehörige – lasst uns mal rechnen

Ich rege mich gerade mal wieder ein bissle auf.

Also machen wir doch einmal das, was Politik und Verwaltung besonders gerne machen: Wir rechnen.

Ein schwerbehinderter junger Mensch, der tief im Autismus-Spektrum unterwegs ist, zusätzlich an einer DIS leidet und rund um die Uhr Betreuung braucht.

Und zwar: 24 Stunden am Tag.

7 Tage die Woche.

365 Tage im Jahr.

24/7 eben.

Fangen wir unsere Rechnung mit einer Einrichtung inklusive Intensivbetreuung an.

Ca. 8.000 Euro im Monat für den Einrichtungsplatz.

Das macht im Jahr 96.000 Euro.

Dazu eine notwendige Eins-zu-eins-Betreuung:

45 Euro pro Stunde.

45 Euro mal 24 Stunden.

Macht 1.080 Euro am Tag.

Macht 32.400 Euro im Monat.

Macht 388.800 Euro im Jahr.

Zusammen landen wir also bei:

40.400 Euro im Monat.

484.800 Euro im Jahr.


Jetzt die Versorgung zu Hause mit einer 24-Stunden-Assistenz:

35 Euro pro Stunde.

35 Euro mal 24 Stunden.

Macht 840 Euro am Tag.

Macht 25.200 Euro im Monat.

Und das macht 302.400 Euro im Jahr.

Das sind die Größenordnungen, über die wir sprechen, sobald diese Arbeit bezahlt werden muss.


Und jetzt kommen wir zu den pflegenden Angehörigen.

Dem vermutlich günstigsten Versorgungsmodell, das dieses Land jemals hervorgebracht hat.

Pflegende Angehörige verfügen offenbar über Eigenschaften, die der menschlichen Biologie bislang weitgehend unbekannt waren.

Sie werden nicht krank. Sie brauchen keinen Urlaub. Sie benötigen keine Erholung. Sie brauchen keine Vertretung. Und selbstverständlich brauchen sie auch keinen Feierabend.

Und wenn doch einmal Hilfe benötigt wird, gibt es da ja noch die Verhinderungspflege.

Ach neee. Moment mal. Da war ja was…

Da wird ja inzwischen auch fleißig gerechnet.

Denn offenbar geht man davon aus, dass pflegende Angehörige die Verhinderungspflege hauptsächlich dafür nutzen, sich die Sonne auf den Bauch brennen zu lassen, die Füße hochzulegen, ihr Leben zu genießen und "dolce vita" zu feiern.

Eine nachvollziehbare Sorge natürlich.

Tatsächlich nutzen viele pflegende Angehörige die Verhinderungspflege bislang für vollkommen übertriebene Luxusaktivitäten.

Zum Beispiel für Arzttermine. Oder für Vorsorgeuntersuchungen. Oder sogar für Einkäufe.

Ich weiß. Man muss aufpassen, dass solche Exzesse nicht ausufern.

Der Wocheneinkauf um zwei Uhr morgens hätte sicherlich seinen Reiz.

Und die Darmspiegelung zwischen drei und vier Uhr morgens lässt sich bestimmt ebenfalls organisieren. Denn mit ganz viel Glück schlafen unsere „Pfleglinge“ um diese Zeit und wir können uns dann zu unseren „Luxus-Terminen“ schleichen. Man muss eben flexibel bleiben.

Und dann wären da noch die Rentenpunkte.

Die paar Rentenpunkte, die wenigstens ansatzweise ausgleichen sollten, dass Menschen ihren Beruf aufgeben, ihre Arbeitszeit reduzieren und ihre Altersvorsorge gleich mit in die Tonne kloppen.

Auch dort wird inzwischen natürlich ganz fleißig gerechnet.

Natürlich wird gerechnet. Es wäre ja ungeheuerlich, wenn Menschen nach Jahrzehnten der Pflege plötzlich noch Rentenansprüche entwickeln würden.


Und während professionelle Versorgungskosten von mehreren hunderttausend Euro pro Jahr ganz selbstverständlich finanziert würden, diskutieren wir gleichzeitig darüber, ob Verhinderungspflege, Entlastungsleistungen und Rentenpunkte für pflegende Angehörige möglicherweise doch etwas zu ambitioniert sind.

Man muss ja schließlich Prioritäten setzen.


Vielleicht sollten wir uns deshalb langsam nicht mehr fragen, was Pflege kostet. Sondern was passiert, wenn pflegende Angehörige irgendwann einfach ausfallen.

Denn genau auf deren Rücken wird in diesem Land seit Jahren erstaunlich erfolgreich gespart.

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